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700 JAHRE KIRRBERG
von Pfarrer Alfons Gebhart



Teil 3: Religiöse und soziale Probleme rufen nach Reform

Wirtschaftliche und politische, soziale und religiöse Probleme liegen offen. Licht und Schatten sind dicht beieinander. Geistliche Fürsten gerieten in Abhängigkeit weltlicher Mächte. Mißstände riefen nach Reform an Haupt und Gliedern.
Dennoch gab es weit verbreitet eine tiefe Religiösität. Dafür zeuge ergreifende Opferwilligkeit, Wunderwerke der Baukunst, künstlerische Planung, vertiefte Volksfrömmigkeit. Davon gibt uns Kunde das Bruderschaftsbuch des heiligen Sakramentes in Wörschweiler vom Jahre 1466, in dem die Stiftung, die Motivation, der Grund der Einsetzung und die Heilswirkung des heiligen Sakramentes ausgeführt werden. Im 2. Teil des Buches, in der Bipontina in Zweibrücken erhalten, werden über570 Mitglieder der Sakramentsbruderschaft aufgezählt, darunter auch die Kirrberger: Henrich, genannt Hener, sein Frau Hebel; Othma von Kirbburg; Hinsels Sohn Hans und Gattin Kathrina; Michel Mulder von Kirburk; Wolf und Husfrau Getz.
Neben freien Bauern gab es viele Knechte, Mägde, Tagelöhner, die von jeder Mitbestimmung ausgeschlossen waren, ohne politische Rechte. Die oberen Stände, Adelige und geistliche Würdeträger verlangten von den Bauern immer höhere Zinsabgaben und Frondienste. Die in Jahrhunderten gewachsene Ordnung zerbrach.
Bauern brachten Beschwerde-Artikel vor. Darin beklagten sie sich, daß die Steuern zu hoch seien. Sie müßten auch viel zu viel Brennholz stellen für die große Hofhaltung. Schon zuvor hatte es kleine Gruppen von Bauernrebellen gegeben, die sich in Wäldern versteckt hielten. Jetzt rotteten sich Bauern zusammen und plünderten: Schlösser, Klöster, Kirchen und Pfarrhäuser.
Auch das Pfarrhaus von Kirrberg lag einige Jahrzehnte verödet da. Bauern forderten mehr demokratische Freiheiten, gerechtere Verteilung derGüter und die Verkündigung des reinen Evangeliums. Viele Aufständische werden gefangen, lebendig verbrannt, gevierteilt, gerädert oderenthauptet. So wurden die Bauernaufstände grausam niedergeschlagen.
Um bessere Zustände und Reformen in Staat und Kirche gingen die weiteren Auseinandersetzungen. Nikolaus Cusanus drückte es so aus: "..man solle reinigen und erneuern, nicht zerstören und niedertreten, daß nicht der Mensch das Heilige umgestalten müsse, sondern umgekehrt das Heilige den Menschen".
Alle ringenden, gutgesinnten Menschen waren überzeugt, daß die Kirche eine Reform an Haupt und Gliedern bräuchte.
Als Herzog Friedrich von Zweibrücken 1514 starb, war sein Sohn Ludwig 12 Jahre alt. Dieser wurde Herzog von Zweibrücken in einer Zeit der Zerrüttung politischer, sozialer Zustände. 1523 berief erden katholischen PriesterJohann Schwebel als Prediger nach Zweibrücken. Ein über Jahre dauernder Prozeß begann, der zunächst nicht im Gegensatz zur Kirche sich äußerte. Erst 1526 ließ Herzog Ludwig den großen Unterschied zwischen katholischer und der neuen lutherischen Lehre aufzeigen.
Durch den Reichstag in Nürnberg wurde gestattet, das "Evangelium nach Auslegung der Schriften" zu lehren und es wurde ein weites Feld für individuelle Auslegung eröffnet. 1526wird inZweibrückerLanden offiziell die Reformation eingeführt. Faktisch bestanden beide Bekenntnisse nebeneinander.
Herzog Ludwig starb früh und sein Sohn Wolfgang war erst 6 Jahre alt. Unter Vormundschaft des Pfalzgrafen Ruprecht wurden die kirchlichen Verhältnisse in Zweibrücken wesentlich beeinflußt. Im Kloster Wörschweiler wurde zwangsweise die lutherische Lehre eingeführt. Dies führte zu großen Spannungen zwischen den Mönchen wie auch zu dem Grafen Johann Ludwig von Nassau, der zeitweise in Homburg residierte.
Im Sommer 1544 weilte der deutsche Kaiser Karl V. in Zweibrücken und Herzog Wolfgang war dem Kaiser zugetan und ließ den katholischen Glauben in seinem Land weiter gewähren. Der Kaiser aber scheiterte mit seinen Ideen am Bund protestantischer Fürsten mit Frankreich, ein Bündnis, das durch die Preisgabe von Metz, Toul und Verdun erkauft wurde. Da Kirrberg zur Diözese Metz gehörte, war unsere Heimat davon betroffen.
Der Augsburger Religionsfriede 1555 führte zu einer Art Neutralität zwischen den religiösen Gruppierungen. In den Urkunden Über Kirrberg wird dieser Religionsfriede mehrmals erwähnt.
Weltliche Fürstenerhielten das freie Rechtdes Bekenntnisses unddie Bestimmungder Konfession ihrer Untertanen. Dietreibenden Impulse für die Ausbreitung derReformation kamen nicht von unten, sondern von den Landesfürsten. Bistümer und Klöster wußten sie in ihre Hand zu bekommen. Die neue Kirchenordnung wird in Kirrberger Dokumenten oft genannt. Die Katholische Kirche wurde immer mehr zurückgedrängt. Herzog Wolfgang übernahm 1544 die Regierung in Zweibrücken. In einer Kirchenordnung wurden Predigt und Verwaltung geregelt. Wolfgang griff immer entschiedener durch und duldete nur mehrdie lutherische Religion. Katholiken, namentlich Geistliche, die ihrem Glauben treu blieben, mußten das Land verlassen.
1569 eilte Herzog Wolfang dem französischen reformierten (calvinistisch) Haus Bourbon mit einem gut ausgerüsteten Heer zur Hilfe. Er selbst überlebte den Feldzug nicht, vom Fieber geschüttelt, starb er in Südfrankreich.
Sein Nachfolger, Herzog Johann führte entgegen dem Testament Wolgangs, die lutherische Religion dürfe niemals mehr geändert werden, das reformierte calvinistische Bekenntnis ein und verpflichtete alle Untertanen dazu. Jetzt mußten die Christen zum 3. mal den Glauben wechseln.
Herzog Wolfgang hatte zurgeographischen, statistischen Vermessung seines Herzogtums den Geometer Tilemann Stella verpflichtet. In 2jähriger Arbeit hat dieser mit großer Genauigkeit Berge, Wälder, Täler, Bäche und Brunnen vermessen, so auch unsere gesamte Kirrberger Gemarkung. Wir staunen noch heute, wie Stalla die Kirrberger Bäche mit ihrem Krebs- und Fischreichtum erfaßte, die Heimbach, den Roßborn, den Namborn u. a. beschreibt. Leider hat man vorwenigen Jahren die uralten Brunnennamen nicht mehr beibehalten, sondern nach der Neufassung der Quellen neue Namen erfunden.
Inzwischen hatten auch die Grafen von Nassau für ihren Homburger Teil zum lutherischen Bekenntnis gewechselt und hatten dies für ihre Untertanen vorgeschrieben. Viele Dokumente über Kirrberg liegen aus der Zeit vor, die vom Übergang der katholischen zur neuen Lehre berichten. Die Einführung der lutherischen Konfession gestaltete sich auch in Kirrberg schwierig. Wie verworren die Situation war, geht wohl aus dem interessantesten Aktenstück aus dem Jahre 1566 hervor. Da heißt es: "Mit genanntem Dorf Kirberg ein solche Gestalt hat, daß ein papistischer Meßpfaff von Hohmburg ein über die ander Woch dahin geht und sein Abgötterey da treibt und übt." Es handelt sich hier nicht, wie manchmal angenommen oder interpretiert wird, um eine Simultankirche, sondern es wird berichtet, daß an einem Sonntag protestantische Predigt, und am nächsten Sonntag eine katholische Messe gefeiert wurde, und zwar mit den gleichen Christgläubigen.
Wie schwierig sich der mehrmalige Konfessionswechsel gestaltete, zeigen die Gravamina (Beschwerden) des Pfarrers Philipp Gravy von Ernstweiler im Jahre 1607. Er beklagt sich, daß die Ernstweilerer auf sein vielfältig Anhalten noch nicht den Götz aus ihrer Kirch geschafft hätten. Damit ist nicht ein Heiligenbild gemeint, sondern in der damaligen Kotroverse der Reformation der Tabernakel gerneint! Fernerweist erdarauf hin, daß sie die Toten daselbst nicht begraben, daß sie bei Donner und Blitz die Glocken läuten, daß ein Teil der Ernstweilerer in die benachbarten Kirchen laufet, also gen Homburg und Kirrberg, daselbst zu kommunizieren. Daß sie den abgöttischen Hagelfeiertag und ihre gewöhnliche Freßkirben (Kirchweih) haften. Hinter diesen Beschwerden ist der Einfluß strengsten Calvinismus und die Reaktion der Christen in Ernstweiler zu bemerken.




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